Frau Neel I

16. Februar 2009

Abgelegt unter: Blumenkrieg — sarah @ 15:43

Frau Neel ist eine Stammkundin – schon seit vielen Jahren. Eine an sich nette Frau, wenn auch nicht ganz einfach. Sie kommt regelmäßig zu uns und kauft einen kleinen Strauß oder Topfpflanze – selten im Wert über 10 Euro, aber sie kauft. Sie ist schon über 80 Jahre alt und hat ihren schwer kranken Mann zu pflegen. Sie wohnt in der Nachbarschaft, ist aber nicht sonderlich beliebt.

Eigentlich gebe ich auf solches Gerede nicht viel, zumal ich die Anwohner alle nicht richtig kenne. Ich arbeite nur zufällig im Blumenladen um die Ecke und bekomme das ein oder andere mit – unseren Kunden plaudern gerne.

Trotzdem bin ich immer nett zu Frau Neel – mir hat sie ja nichts getan. Bis letzte Woche.

Sie gehört zu den Kunden, die ich eher ungern bediene, da sie immer etwas anstrengend ist. Da wird jede Blume einzeln ausgesucht, begutachtet und im zweifelsfalle eine andere ausgesucht. Wenn ich ihren Strauß dann binde, steht sie gefühlte 20cm von mir entfernt und beäugt mich kritisch.
Sie ist sowieso immer etwas beleidigt, wenn sie nicht von der Chefin persönlich bedient wird.

Wohlweißlich frage ich sie dann mehrmals ob ihr der Strauß denn so recht ist und rechne ihn ihr dann genau vor.

Nun habe ich ihr letzte Woche wieder einen Strauß gebunden – nach der beschriebenen Prozedur.

3 Tage später kam sie ganz aufgelöst in den Laden, schubste eine Kundin die eigentlich vor ihr dran war (und die ich gerade bedient habe) zur Seite und zeigte mit ihrem Finger auf mich.

“Sie haben mir zuviel berechnet!”

Ich bitte sie doch einen Moment zu warten und überlege was sie von mir will. Ich kann mich beim besten Willen nicht an jeden Strauß und jeden Preis erinnern.

“Die gelben Rosen! Am Montag. 6 Stück waren das und da haben sie mir 7,20 für abgenommen!”
- “Frau Neel, das kann sein, aber ich kann mich gerade nicht dran…”
“Wucher ist das! Das habe ich erst heute gemerkt, dass sie sich da verrechnet haben!”
- “Die gelben Rosen kosten das Stück einen Euro, plus das Beiwerk… da kommen mir 7,20 schon richtig vor?!”
“Richtig? 1,20 für son bisschen Grünzeug drumrum? Soviel wollte ich davon doch nicht mal!”
- “Ich meine sie waren mit dem Strauß so einverstanden. Und vorgerechnet habe ich Ihnen den auch.”
“Aber 1,20! Das wollte ich so doch gar nicht! Wo ist die Chefin?”

Sie schlängelt sich an mir vorbei zum nur-für-Mitarbeiter-Raum. Dass die Chefin nicht da ist, verärgert sie noch mehr.

Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass die 1,20 berechtigt waren. Im zweifelsfalle berechne ich sowieso immer eher zu wenig, weswegen ich ihre Aufregung nicht ganz verstehe. Aber nungut, ich kann nicht ausschließen dass ich doch übers Ziel hinausgeschossen bin. Und wenn sie sich so aufregt…

“Frau Neel, sind sie damit einverstanden, wenn ich Ihnen die 20 Cent zurückgebe und dann hat sich die Sache? Wir müssen uns ja nicht so aufregen deswegen…”

Sie schnappt nach Luft, nimmt die 20 Cent vom Tresen und steckt sie ein.

“20 Cent? Es geht mir doch gar nicht ums Geld! Wann kommt die Chefin?”
- “Erst morgen wieder. Was sollen wir denn da nun machen? Mehr als Ihnen anbieten, dass….”
“Mir gehts nicht ums Geld! Ich komme morgen wieder!”

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